Gemälde einer Winterlandschaft mit zwei Personen, daneben Text "Winter und Weihnacht"

Auf dieser Seite finden Sie Beiträge rund um den Winter und die Weihnachtszeit im englischen Regency.

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Weihnachtsfeiertage, Raunächte und Twelfth Night im Regency  

22.12.2025

Masquerade After Thomas Rowlandson British [August 30, 1811]

Die Weihnachtsfeiertage wurden gesellig im Kreis der Familie verbracht, mit Besuchen in der Nachbarschaft, Partys und Spielen. Der 26.12. war wohltätigen Zwecken gewidmet, zum Beispiel verteilte man die Kirchenkollekte unter den Armen, gab Almosen an Bedürftige und beschenkte die Dienstboten und Pächter mit kleinen Geschenkschachteln, die nützliche Dinge wie Decken, Essen, Stoffe und Heilmittel enthielten. Daher heißt der 26.12. in England „Boxing Day“ (also „Geschenkschachtel-Tag“).

Weihnachts- und Silvesterbälle

Neben Feierlichkeiten im Familienkreis waren große Feste und Bälle ein wichtiger Bestandteil der Feiertage und fanden oft am ersten, zweiten oder dritten Weihnachtsfeiertag statt. Silvester war in der Regency-Ära ebenfalls ein beliebter Zeitpunkt für Bälle und Partys. Maskenbälle waren eine gängige Form der Silvesterfeier und verliehen dem Fest eine spielerische und geheimnisvolle Note.

Aufgrund der schlechten Straßenverhältnisse im Regency (nachzulesen auch in meinem Blogbeitrag über die Anreise zur Saison vom November 2025), waren lange Kutschfahrten im Winter allerdings zu strapaziös und gefährlich, um von weit her anzureisen. Zu Gast waren daher lediglich die Verwandten und besseren Familien der näheren Umgebung. (Die in Regency-Romanen beliebten Weihnachtsfeste, bei denen Freunde und Verwandte aus allen Teilen Englands zusammenkommen, entsprechen daher – leider! – nicht den historischen Tatsachen. Das soll aber unsere Freude beim Lesen derselben nicht schmälern!) 

Twelfth Night Characters, Thomas Rowlandson 1811

Twelfth Night

Die „Twelfth Night“ (die zwölfte und damit letzte Raunacht) war die Nacht von 5. auf 6.1., also der Vorabend vor Dreikönig. Es gibt zahlreiche Berichte und Briefe über die Feierlichkeiten, unter anderem von Jane Austens ältester Nichte, Fanny Austen Knight.

Am Abend des 5.1. gab es meist eine große „Twelfth Night Party“. Es wurden Spiele wie „Snapdragon“ und „Oranges and Lemons“ gespielt (siehe mein Blogpost „Weihnachtliche Kinderspiele“ vom 19.12.2023, unterster Beitrag auf dieser Seite). Am späteren Abend folgte der Twelfth Night Ball, ein Maskenball. Zwei Gäste waren der König und die Königin, daneben gab es weitere Charaktere, die historische, zeitgenössische oder fiktionale Figuren darstellten.

Jeder Gast zog bei der Ankunft auf dem Ball per Los einen Zettel aus einem Hut oder Beutel und wählte so zufällig eine Rolle; manche Gastgeberinnen stellten ihren Gästen Verkleidungsgegenstände zur Verfügung. Andere Gastgeberinnen schickten die Rollen vorab an ihre Gäste, damit diese bereits verkleidet erscheinen konnten. Die Gäste mussten den ganzen Abend in ihrer Rolle bleiben. Wer im Laufe des Abends aus seiner Rolle fiel, musste später eine Strafe zahlen. 

Das abgebildete Kartenset enthält eben dem König und der Königin 22 weitere Charaktere mit sprechenden Namen wie Lord und Lady Flutter (Lord und Lady Flatterhaft), Lady Careless (Lady Sorglos), Miss Busy (Miss Emsig), Miss Sparkle (Miss Funkel), Sir Peter Puff (Sir Peter Aufgeblasen) und Lady Lydia Blaze (Lady Lydia Feurig).

Die Charaktere waren nicht standardisiert. Im Verlauf des Regency wurden zahlreiche verschiedene Sets von Charakterkarten publiziert.

Nach der Zwölften Nacht, also am 6.1. (Dreikönig), endeten die Weihnachtsfeierlichkeiten.

James Sayers, The Regency Twelfth Cake not cut up, 1789

Twelfth Cake

Ein wichtiger Bestandteil der 12th Night Party war der Twelfth Cake (auch Twelfth Night Cake genannt), ein Früchtekuchen aus Mehl, Hefe, Milch, Butter, Zucker, Johannisbeeren, Zimt, Nelken, Muskatnuss, gehackten kandierten Orangen- und Zitronenschalen. Er war mit rötlichem Zuckerguss überzogen und oft mit weißen Zuckerornamenten und -figuren verziert. Für die Herstellung dieser Ornamente und Figuren strich man eine Zuckerpaste in vorgefertigte Formen.*

Jedes Mitglied des Haushalts bekam ein Stück. In den Kuchen war früher eine getrocknete Bohne und eine getrocknete Erbse eingebacken. Der Mann, dessen Stück die Bohne enthielt, wurde „König der Zwölften Nacht“, die Frau, die das Stück mit der Erbse hatte, Königin. Doch diesen Brauch mit Erbse und Bohne gab es im Regency nicht mehr, nur noch den Kuchen selbst. König, Königin und weitere Figurenrollen wurden, wie oben bereits beschrieben, stattdessen mit Charakterkarten ausgelost.

* Ein Originalrezept eines Twelfth Cake findet sich in John Mollard, “The Art of Cookery Made Easy and Refined” (1802). Der digitalisierte Text ist frei verfügbar über das Project Gutenberg. Das Rezept findet sich auf Seite 287. Unmittelbar davor, auf Seite 286, ist ein Rezept zur Herstellung rötlicher Lebensmittelfarbe für das Garnieren eines Twelfth Cake.

1814: Der letzte Frostjahrmarkt auf der Themse 

26.02.2025

Frostjahrmarkt auf der Themse in London, 1814. Auf dem Eis sind spielende Kinder, Verkäufer, Verkaufszelte und eine Schaukel.

Bereits aus der Antike und dem Mittelalter existieren Berichte über die zugefrorene Themse. In London fanden seit dem 17. Jahrhundert zu diesen Gelegenheiten Frostjahrmärkte auf der Eisdecke der Themse statt, die zahlreiche Attraktionen boten – beispielsweise wurde 1814 ein Elefant über das Eis geführt –, daneben verkauften Händler Waren, Speisen und Getränke, es wurde getanzt und musiziert. 

Im 18. Jahrhundert fror die Themse in den Jahren  1709, 1716, 1740, 1776 und 1795 zu, danach nur noch ein einziges Mal: 1814. Die Menschen im Regency konnten es nicht wissen, doch sie waren die letzten, die einen Frostjahrmarkt auf der Themse erleben konnten.

Das obige Bild wurde im Mai 1814 gedruckt und zeigt vor dem Hintergrund der St. Paul’s Cathedral das Treiben auf dem Eis inklusive Zelten, Verkäufern, Musikern, spielenden Kindern und einer großen Schaukel. Während des Forstjahrmarkts von 1814 stellten zahlreiche Drucker ihre Druckerpressen auf dem Eis auf und druckten Erinnerungsgedichte; der Drucker George Davis druckte gar ein ganzes Buch: Frostiana; or A History of the River Thames in a Frozen State

 

Durch verschiedene bauliche Maßnahmen hat sich seither die Fließgeschwindigkeit der Themse erhöht, sodass sie seit 1814 nie mehr vollständig zufror. 

Das Weihnachtsdinner im Regency

18.12.2024

Zeichnung einer Dinnertafel mit Plum Pudding. "The Plumb-Pudding in Danger" von James Gillray, 1805.

Beim Weihnachtsdinner war der Tisch reicher Familien mit Zuckergussskulpturen geschmückt. Es gab Truthahn oder Gans, in gehobenen Kreisen auch Wild

Danach gab es den traditionellen Christmas Pudding (Plumpudding, siehe Bild). Es ist kein „Pudding“ im heutigen Sinn und war ursprünglich keine Süßspeise. Der Pudding musste mindestens 2 Tage im Vorhinein zubereitet werden. Zutaten waren u.a. Trockenfrüchte, Orangen- und Zitronensaft, etwas Brandy, Mehl, Gewürze, Zimt, Rindertalg, Zucker, Weißbrotkrumen, gehackte Mandeln und Eier. Er wurde bei Tisch mit brennendem Brandy übergossen (flambiert). In Frederic Nutts „The imperial and royal cook“ (1809) findet sich ein Originalrezept.

Wein war oft mit Muskatnuss gewürzt und erwärmt und hieß dann „Negus“. Dazu konnte man noch Zimtstangen, Gewürznelken und Sternanis geben. Ähnlich dem Negus war der Weihnachtspunsch, ebenfalls ein gewürzter heißer Wein, der in einer großen Schüssel mit Äpfeln serviert wurde. Daneben gab es Eggnog, eine Art Eierpunsch aus Milch, Eiern, Brandy (alternativ Madeira oder Sherry) und Gewürzen wie Muskat oder Zimt. Eine ältere Variante des Eggnogs bzw. dessen Vorläufer war unter dem Begriff „Posset“ bekannt.  

Das Weihnachtsfest im Regency

18.12.2024

Zeichnung einer Familie beim Weihnachtsfest.  Aus: Lang, Karl. Almanach und Taschenbuch. Heilbronn: Industrie Comtoir, 1799.

Die Kirchen und Häuser wurden am 24.12. mit Stechpalme, Lorbeer, Efeu, Mistelzweigen und anderen immergrünen Pflanzen geschmückt. Auch die ärmeren Familien schmückten ihr Heim mit Grünzeug. Am 6.1. wurde das Grünzeug verbrannt, das brachte Glück fürs neue Jahr. Christbäume gab es erst in der viktorianischen Zeit, obwohl es diese Tradition bereits um 1800 in Deutschland gab.

Die eigentlichen Weihnachtsfeierlichkeiten begannen mit dem Anzünden des „Yule log“ (Julklotz, Christklotz). Am 24.12. suchte man sich einen großen Holzklotz und brachte ihn – oft mithilfe von Pferden – nach Hause und zündete ihn mit den Resten des Julklotzes vom vergangenen Jahr an, dies sollte Glück bringen. Dazu wurden Lieder gesungen und Geschichten erzählt, und die Kinder tanzten. Der Klotz sollte während der zwölf Raunächte brennen, bis 6.1. Man ließ ihn nicht völlig verbrennen, sondern behielt die Reste auf für das Anzünden des Julklotzes im nächsten Jahr.

Am Weihnachtsabend, dem 24.12., saß man zusammen. Nach Einbruch der Dunkelheit wurde eine große Weihnachtskerze angezündet, die die ganze Nacht brannte und die Gäste im kommenden Jahr vor Schaden schützen sollte. Die Familie sang gemeinsam Lieder, erzählte Geschichten und spielte Charaden, Blinde Kuh und Snapdragon (siehe Beitrag unten).

Der 25.12. war ein nationaler Feiertag, den die Gentry auf ihren Landsitzen verbrachte. Er wurde ruhig und religiös verbracht. Man ging in die Kirche, spielte Spiele und aß ein Weihnachtsdinner (siehe Beitrag oben).

In Jane Austens „Persuasion“ ist in Kapitel 14 die Beschreibung eines Weihnachtsfestes zu finden:

„Auf der einen Seite befand sich ein Tisch, an dem einige plappernde Mädchen Seide und Goldpapier zerschnitten; auf der anderen Seite standen Böcke und Tabletts, die sich unter dem Gewicht der Sülze und der kalten Pasteten bogen, wo ausgelassene Jungen wild feierten; das Ganze wurde durch ein loderndes Weihnachtsfeuer vervollständigt, das entschlossen zu sein schien, sich trotz des Lärms der anderen Gehör zu verschaffen.“*

Man machte sich gegenseitig kleine Geschenke innerhalb der Familie und guten Freunden. Die Geschenke wurden traditionellerweise bereits am 6.12. (St. Nikolaus) ausgetauscht. Von Emma Austen Leigh, der Ehefrau von Jane Austens Neffen James Edward Austen Leigh, sind Listen von Geschenken überliefert, die sie als Jugendliche erhalten hat, darunter ein Tamburin, Kompass, Schmuckkästchen aus Rosenholz, Schmuck (Ringe, Goldkette, Korallenkette, selbstgemachte blaue Perlenkette, Goldohrringe, Korallenbrosche), Ledergeldbörse, Porzellankerzenleuchter, Thermometer, Amethystkreuz, Nadelschachtel und selbstgemachtes Nadelkissen, selbstgemachter Pfauenfederfächer und ein Opernglas aus Elfenbein. Daneben waren Bücher, Musikstücke und Materialien für das Schreiben, Zeichnen, Malen etc. beliebte Geschenke.

 

* “On one side was a table occupied by some chattering girls, cutting up silk and gold paper; and on the other were trestles and trays, bending under the weight of brawn and cold pies, where riotous boys were holding high revel; the whole completed by a roaring Christmas fire, which seemed determined to be heard in spite of the noise of the others.”

Weihnachtliche Kinderspiele

19.12.2023

"Oranges And Lemons", Nicholl Bouvier Games 1874, "The Pictorial World", Agnes Rose Bouvier (1842 - 1892)

Zur Weihnachtszeit wurden in den Familien folgende Spiele besonders gern gespielt:

Oranges and Lemons (Orangen und Zitronen)
Zuerst melden sich zwei Freiwillige (Erwachsene oder Kinder), die sich leise ausmachen, wer von beiden die „Orange“ und wer die „Zitrone“ ist. Danach stellen sie sich einander gegenüber auf und formen mit ihren Armen einen Bogen, unter dem die anderen Kinder, die einander am Gewand halten, durchlaufen und dabei in „Endlosschleife“ das „Oranges and Lemons“-Lied singen, von dem es zahlreiche regionale Varianten gab (Textversionen siehe Wikipedia-Artikel „Oranges and Lemons“). 

Jedes Mal beim Wort „Head” geben die Spieler, die den Bogen formen, die Arme nach unten und „fangen“ das Kind, das gerade unter dem Bogen durchlaufen wollte. Sie fragen es leise, ohne dass es die anderen hören können: „Orangen oder Zitronen?“ Je nachdem, was der „Gefangene“ antwortet, stellt er sich hinter die „Orange“ oder die „Zitrone“. Das Spiel geht so lange, bis alle Spieler gefangen wurden und hinter der „Zitrone“ bzw. der „Orange“ in einer Reihe stehen, sich gegenseitig an der Taille fassend. Nun ziehen beide Spielerketten in die entgegengesetzte Richtung und versuchen, die gegnerische Kette über die (imaginäre oder aufgezeichnete) Mittellinie zu ziehen.


Snapdragon (Feuerdrache)

In einer weiten, flachen Schale wurde Brandy erhitzt, Trockenfrüchte (z.B. Rosinen) hineingeworfen und der Brandy angezündet. Anschließend mussten die Spieler reihum versuchen, mit bloßen Fingern möglichst viele Früchte herauszufischen und zu essen. Dazu wurde ein spezielles „Snapdragon-Lied“ gesungen. Wer die meisten Früchte aß, hatte gewonnen. Für das Spiel wurden die Lichter gedimmt oder gelöscht und der Raum abgedunkelt. 

 

Hatten nach Weihnachten daher alle Kinder Brandblasen an den Fingern? Mitnichten! Brandy brennt bei deutlich niedrigeren Temperaturen als eine Kerze.

 

Charade (Scharade)

Scharaden waren das ganze Jahr über beliebte Gesellschaftsspiele, nicht nur zur Weihnachtszeit. Sie wurden nicht wie heute gespielt, indem ein Wort mit Mimik und Gestik dargestellt wurde, sondern es war ein Wortspiel, bei dem der gesuchte Begriff verbal verschlüsselt wurde und sich das Rätsel auch reimen musste. Eine typische Scharade teilte den Begriff in zwei oder drei Teile, die einzeln erraten werden mussten, um zusammengesetzt den gesuchten Begriff zu ergeben.

Bildnachweise

Die auf dieser Seite verwendeten Bilder stammen vom Metropolitan Museum of Art, dem Rijksmuseum Amsterdam, dem Yale Center for British Art, dem Internet Archive sowie Wikimedia Commons und befinden sich in der Public Domain.



Textquellen

Meine Recherchen stützen sich vorwiegend auf die folgenden Quellen. Je nach Thema ziehe ich fallweise auch weitere Literatur (wissenschaftliche Fachartikel, Nachschlagewerke etc.) heran. 
 

Literatur:

  • Ian Mortimer, Im Rausch des Vergnügens. Eine Reise in das England von Jane Austen und Lord Byron (Verlag Piper, 2022)  
  • Jennifer Kloester, Georgette Heyer’s Regency World (Verlag Sourcebooks, 2010) 


Blogs:

sowie diverse Blogs von Regency-Autorinnen